WIE DIE FAUST AUFS AUGE

Marita Liebe leistet ihren BFD27plus im Kulturzentrum des Weserrenaissance Schloss Bevern. Sie ist schon die zweite Freiwillige, die dort ihre Interessen und Fähigkeiten einbringt. Und wie auch schon bei ihrer Vorgängerin, passt der BFD für sie und für die Einrichtung "wie die Faust aufs Auge". Seit einigen Jahren ist sie im Schloss als Gästeführerin aktiv. Ihrem Beruf als Altenpflegerin kann sie nicht mehr nachkommen - In ihrer neuen Rolle als BFDlerin aber kann sie ihre kulturellen Interessen wunderbar einbringen.


Ihr erstes Projekt hat sie von ihrer Vorgängerin übernommen: die Führung für Demenzkranke. Als Altenpflegerin ist ihr das Thema natürlich nicht neu, der Umgang mit dementiell erkrankten Menschen ist ihr vertraut. Die erste Führung bieten die beiden ehemaligen und aktuellen Freiwilligen des Schlosses gemeinsam an. Ein Bericht über das, was sie sich überlegt haben und das, was dann tatsächlich passiert, ist hier zu lesen:

Foto: Marita Liebe

 

Die erste Demenzführung

Pünktlich um 15 Uhr kommt der Kleinbus des Seniorenheims Polle mit sieben Gästen und zwei Betreuerinnen. Wir begrüßen unsere Gäste am Bus beim Aussteigen und stellen uns vor. Auch wir bekommen Namen gesagt, wobei manche gleich den Vornamen nennen, andere sind doch mehr für das "Sie". Nur eine ältere Dame nutzt einen Rollator, kann aber mit Hilfe noch Treppen steigen, das vereinfacht alles natürlich wesentlich. Von Ramona, der Betreuerin, erfahren wir, dass sie ihre Gruppe nach deren Tagesform ausgesucht hat. Sie kommen aus den drei Bereichen des Heims: der Geriatrie, der Demenzabteilung und der Suchtstation.

 

Vor dem Schloss befindet sich gerade eine Hochzeitsgesellschaft und natürlich wollen alle die Braut sehen; so kommt schon mal das Gespräch auf Hochzeit, Brautstrauß fangen, festliche Kleidung und Ähnliches. Gut gelaunt geht es zum Kaffeetrinken in die Schlosswirtschaft, wo tatsächlich jetzt alles für uns bereit steht: Der Tisch ist schön gedeckt, auch Kerzen sind angezündet, der Kaffee ist gekocht und wird auch nachgeschenkt und der Kuchen ist wirklich gut. Unsere Gäste scheinen sich wohl zu fühlen. Die Gespräche drehen sich um die Dekoration der Gasstätte („Schade, dass der Förster nicht da ist, der hätte sich über die Geweihe bestimmt gefreut!“), auch der Gang zur Toilette klappt problemlos. Zwei ältere Damen machen ein kleines Nickerchen; Kaffee kann halt auch eine einschläfernde Wirkung haben.

 

Um viertel vor vier gehen wir langsam rüber zum Heimatmuseum. Beim Schloss- modell ist vor allem interessant, dass die Schüler es so toll gebaut haben, auch das Stück der Wasserleitung regt zu Gesprächen über den Umgang mit Wasser damals und heute an. Wir haben es ja doch sehr viel besser als die Leute damals! Und dann die Kleider im angrenzenden Raum! So schön und so aufwändig herzustellen! Birgitt hat einen alten Zylinder mit, noch so ein richtiger „chapeau claque“, den einer der Herren sofort aufsetzt und er sieht wirklich gut aus! Zur Freude aller lässt er sich fotografieren („Das zeigen wir den anderen die zu Hause geblieben sind!“). Auch das schöne Geschirr in der Vitrine findet großen Anklang.

 

Nun kommt der große Aufbruch: Wir begleiten unsere Gäste zu ihrem Kleinbus. Im Torbogen stimmt der neben mir gehende Mann das schöne Lied „Lustig, lustig, tralleralala, bald ist Niklaus Abend da“ an. Nach einer kurzen Überwindungspause singe ich mit; der Torbogen hat eine sehr schöne Akustik. Wir stellen dann aber doch fest, dass es bis Nikolaus noch ein wenig dauert.

Am Kleinbus angekommen verabschieden wir uns von jedem unserer Gäste. Die Betreuerinnen versichern uns, dass es für alle Beteiligten ein sehr schöner Nachmittag war, alle sind jetzt etwas erschöpft, aber glücklich und zufrieden. Und alle würden gerne wieder kommen.
Der Bus fährt davon, irgendjemand aus dem Bus wirft uns sogar noch eine Kusshand zu, und dann haben wir unsere erste Demenzführung geschafft.

Marita Liebe, Juni 2016


Die Förderer des Bundesfreiwilligendienstes Kultur und Bildung in Niedersachsen